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Sommerinterview des Kanzlers Merz kann jetzt seinen Machtzirkel neu ordnen

Anna Lehmann

Kommentar von

Anna Lehmann

Mit dem Rücktritt von Jens Spahn als Fraktionschef ist der Kanzler einen seiner größten Konkurrenten los. Das eröffnet ihm die Chance für weitere Befreiungsschläge.

I m hellen Anzug, vor vorbeiziehenden Segeljollen – dafür, dass sich in der Unionsfraktion gerade ein Tsunami ereignet hatte, wirkte Friedrich Merz bemerkenswert gelöst beim ZDF-Sommerinterview. Auf die Frage nach einem möglichen Kabinettsumbau antwortete er sogar ziemlich beschwingt: „Ja, das könnte eine Gelegenheit sein.“

Bei aller zur Schau gestellten Betroffenheit über den Fall seines wichtigsten Mannes – für den Kanzler bietet der Rücktritt von Jens Spahn tatsächlich die Gelegenheit, seinen engsten Machtzirkel neu zu ordnen. Das heißt: Fraktion und Regierung anders aufzustellen und die eigene Position zu festigen.

Zwar hatte Spahn sich in den vergangenen Monaten vom durch Maskenaffären geschwächten Wackelkandidaten zum unverzichtbaren Pfeiler der schwarz-roten Machtarchitektur gewandelt. Doch hundertprozentig vertraut hat der Kanzler seinem zurückgetretenen Fraktionschef nie, das war immer wieder zu hören und auch zu spüren.

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Zu ehrgeizig, zu machtbewusst war Spahn selbst, seine Ambitionen, sich neben Merz als der bessere Manager zu präsentieren, blieben keiner politischen Beobachterin verborgen. Einen seiner größten Konkurrenten ist Merz nun los, das eröffnet ihm die Chance für weitere Befreiungsschläge.

Was Spahn so weit brachte

Dass er Spahn im vergangenen Jahr an die Spitze der Fraktion holte, war ohnehin eher macht-taktischen Gründen geschuldet. Merz wollte den in Düsseldorf lauernden Ministerpräsidenten Hendrik Wüst durch ein nordrhein-westfälisches Gegengewicht in Berlin einhegen, was ja auch nur bedingt gelang.

Als der loyalere und erfahrenere Kandidat für die Führung der Fraktion galt eigentlich stets Thorsten Frei, der die Fraktion vor der Bundestagswahl schon als Parlamentarischer Geschäftsführer organisiert hatte. Gut möglich, dass der Kanzleramtsminister nun Spahn nachfolgt und seinen Posten im Kanzleramt aufgibt.

Auch in dieser Position, der wichtigsten Schnittstelle zwischen Bund und Ländern, Regierung und Partei, braucht Merz eine Person, der er blind vertrauen kann. Also jemanden, der keine eigenen Ambitionen hegt und Tag und Nacht bereit ist, die Probleme des Kanzlers zu lösen. Mangelnde Loyalität kann man Frei nicht vorwerfen, aber so richtig warm geworden war der dennoch nie mit dem Kanzleramt, ein Posten, der bienenfleißiges Agieren im Hintergrund erfordert und eigentlich gar keine Zeit für öffentliche Talkshowauftritte lässt.

Davon zeugen die vielen kleinen und größeren Koalitionskrisen im ersten Regierungsjahr. Und auch aktuell hat das Frühwarnsystem im Kanzleramt Merz zunächst nicht rechtzeitig dafür sensibilisiert, welcher Sturm der Entrüstung sich in der Partei zusammenbraute, als Spahn bekanntgab, dass er und sein Mann Väter über eine Leihmutter geworden seien.

Ein neuer Verkehrsminister?

Die mit der Krise verbundenen Personalrochaden bieten für Merz auch die Gelegenheit, weitere Schwachstellen in der Regierung anzugehen und etwa den gleichfalls glücklosen Verkehrsminister zu feuern, der weder die Generalsanierung der Bahn noch den Neubau von Straßen und Brücken auf die Reihe bekommt.

Egal ob Merz sich für die große oder die kleine Lösung entscheidet – er steht gerade vor den wichtigsten Entscheidungen seiner Kanzlerschaft. Diese können die Koalition stabilisieren oder ihren Vertrauensverfall beschleunigen. Angesichts der impulsiven Natur des Kanzlers wünscht man ihm dabei gute und kritische Berater:innen.

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Anna Lehmann

Anna Lehmann Leiterin Parlamentsbüro

Schwerpunkte SPD und Kanzleramt sowie Innenpolitik und Bildung. Leitete bis Februar 2022 gemeinschaftlich das Inlandsressort der taz und kümmerte sich um die Linkspartei. "Zur Elite bitte hier entlang: Kaderschmieden und Eliteschulen von heute" erschien 2016.
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11 Kommentare

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  • "Merz kann jetzt seinen Machtzirkel neu ordnen"

    Dieser Kanzler wird sein Machtzirkel nicht neu ordnen, sondern durch die alle bis jetzt getroffene Entscheidungen mangels Regierungserfahrung und getrieben durch seine Arroganz, wird er noch mehr Unglück als bereits schon angerichtet über uns bringen!

  • Eröffnen wir nun die Diskussion, wer alles besser wegmuss, wohlwissend, dass die Union kaum Reserve hat, und die CSUler sowieso in München bestimmt werden.



    CDU also: Reiche und Weimer stehen beide für unausgegoren ideologische Politik mit wenig Zielführung fürs Land. Wadephul bekam gegenüber Israels Völkerrechtsbrüchen die Zähne nicht auseinander.



    Warum aber nicht gleich mit Merz beginnen? Den zum geliebten Talkshowbesuchen abstellen und jemand anders regiert, wie wär's? Ich bleibe da bei D. Günther.

  • "Merz kann jetzt seinen Machtzirkel neu ordnen."



    Die Schlagzeile sieht erstmal nach nüchterner Analyse aus. Aber der Text erteilt Nachhilfe für Merz, seinen Laden beim Durchsetzen seiner Agenda effizienter aufzustellen. Vorschlag für eine korrigierte Schlagzeile: "Merz sollte seinen Machtzirkel neu ordnen."



    Franziska Brantner, Grünen-Chefin, hat in der Frankurter Rundschau die Schlagzahl vorgegeben: "Merz habe die Chance, sich „im Kabinett von allen, die da handwerkliche Schwächen haben und von jenen, die ideologisch verbohrt sind“ zu befreien."



    Oh, Mann! Es wird immer schlimmer mit der Grünen Anbiederei an die CDU. Merz wird aus der Schusslinie genommen, wenn ihm attestiert wird, dass er gewissermaßen von einer handwerklich inkompetenten und ideologisch verbohrten Ministerriege und Fraktionsspitze hintergangen wird. Deren Politik ist nicht eine Abweichung von Merzens Linie, sondern sie vollstreckt SEINE Agenda!

    • @Siegfried Bogdanski:

      Sind Sie etwa der Meinung, es gebe keine MinisterInnen, die handwerkliche Schwächen haben? An sich hat Frau Brantner vollkommen recht, aber ein Herr Merz wird wohl nicht auf sie hören, weshalb es relativ egal ist, wie sie die MinisterInnen beurteilt.

      Das Problem ist, dass es mehrere MinisterInnen gibt, die das Ansehen und die Akzeptanz dieser Regierung in den Keller ziehen. Das scheint Herrn Merz jedoch weder zu interessieren noch scheint er selbst sich zu bemühen, den Gesamteindruck zu verbessern.

      • @Aurego:

        Warum sollte man, warum sollten die Grünen dem Bundeskanzler empfehlen, handwerklich besseres Personal zur Vollstreckung seiner Agenda zu einzusetzen?



        Seine Agenda: Kürzungen und Sanktionen bei Bürgergeld/Grundsicherung, gleichzeitig Verweigerung von wirksamer Reichen- und Erbschaftssteuer, rechtswidrige Kontrollen und Zurückweisungen an den Grenzen, Einschränkungen bei Rente, Gesundheit, Pflege, Bildung, Kultur, Verweigerung des AfD-Verbortsantrags, Verschleppung des Ausstiegs aus den Fossilen Energien, Behinderung des Ausbaus Erneuerbarer Energien, …



        Mit dieser Agenda kann man nur "das Ansehen und die Akzeptanz dieser Regierung in den Keller ziehen". Und dabei soll handwerklich besseres Personal helfen? Prost, Mahlzeit.

  • Wofür schon wieder ein neuer Verkehrsminister? Es wsr nicht zu erwarten, dass Herr Schnieder innerhalb eines Jajres alle Probleme lösen würde. Die Bahn müsste dazu verstaatlicht, Schienenwege vom Transport organisatorisch und finanziell getrennt werden. Dass wir jetzt Italo auf deutschen Strecken bekommen, ist jedoch ein guter Anfang.

    Wenn Herr Merz etwas verbessern will, muss er etwas für die Bevölkerung tun. Personalentscheidungen sind zwar wichtig, aber genügend fähige Leute hat er ohnehin nicht. Dass Herr Spahn weniger zu sagen hat, ist zwar gut, aber das hätten wir viel früher gebraucht. Wer sollte noch gehen? Frau Reiche und Frau Prien, würde ich sagen. Beide haben schon zu viel Porzellan zerschlagen.

    Einen Fehler von Frau Merkel sollte Herr Merz auf keinen Fall wiederholen: an den unbeliebtesten MinisterInnen stur festhalten.

    • @Aurego:

      Italo kommt auf die deutschen Strcken. Und das ist der Anfang von was? Dass die Strecken noch mehr überlastet werden. Dann sitzen Leute in einem roten Zug und kommen nicht weiter. Vielleicht ist der Espresso da drin gut. 🤔Gut, dass ich selten lange Strecken reisen muss. Aber es scheint so zu sein, dass das ein neues deutsches Hobby ist, das Schimpfen nach der Reise mit Verspätungen eingeschlossen.

  • Die Lösung liegt auf der Hand: Merz macht genau das, was er kann: Reden schwingen im Parlament. _Er wird Fraktionsvorsitzender und schadet dann auch weniger.

    Kanzler könnte dann z.B. der Unionsministerpräsident mit dem besten Wahlergebnis und ausreichend Koalitionsqualitäten werden (ganz oben auf der Karte).

  • Hmja.



    Es wäre wirklich zu hoffen,



    dass Merz mal aufwacht.



    Hat es doch schon mal gegeben.



    Als er erkannte, dass Investitionen nicht vom Baum fallen und Grüne und SPD mit einem schuldenfinanzierten Investitionsprogramm Recht hatten.



    Vielleicht haben diese beiden Parteien vielleicht noch in anderem Recht?



    Vielleicht muss gegen Klimatische Veränderungen vielleicht doch etwas getan werden, statt sie zu ignorieren.



    Falls das eine tragfähige Idee ist, folgt die Entlassung von Reiche natürlich auf dem Fuße.



    Da bräuchte auch Niemand weinen, da Reiche ihre Tätigkeit nahtlos fortsetzen könnte, als Lobbyistin in egal welcher Firma.



    Für die Zukunft Deutschlands wäre das jedenfalls eine der besten Optionen.



    Wenn man als Chef schon nicht der qualifizierteste ist, sollte man*frau sich wenigstens mit qualifiziertem Personal umgeben .



    Anschließend reicht dann einfach: Winken!

  • Die Kanzlerschaft von Merz krankt eher daran, dass er ihm ergebende Paladine in seinem Umfeld hat, die Freis, Linnemanns und wie sie alle heißen. Merkel oder früher auch Kohl haben ihre Kabinette und ihr Umfeld breiter aufgestellt. Nicht weil sie Kritik gegenüber besonders empfänglich waren, sondern als Ausdruck politischer Cleverness, außerdem als Ausdruck, dass die Union einen Großteil der Mitte des politischen Spektrums abdecken wollte.



    Jetzt hier den Laden noch mehr auf Linie zu bringen, indem man den intriganten Spahn durch weitere Jasager ersetzt bringt Merz eher nicht weiter.



    Aber weder glänzt Merz durch besondere politische Cleverness bisher noch gibt es profiliertes Personal von Format in der Union, das diese Positionen kompetent ausfüllen könnte.

  • "[...] weitere Schwachstellen in der Regierung anzugehen und etwa den gleichfalls glücklosen Verkehrsminister [...]".

    Gas-Kathi ist dagegen natürlich nicht glücklos, sondern höchst erfolgreiche Lobbyistin. Die muss natürlich bleiben, um die Energiewende und die daranhängenden Jobs möglichst effizient abzuwürden. Wäre ja noch schöner, wenn Deutschland ein zukunftsorientiertes Industrieland würde. Wir machen lieber auf Museumstechnologie und schauen halt schön blöd, wenn das mit dem Klimawandel dann doch völlig überraschend so kommt, wie zahlllose Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler es seit Jahrzehnten vorhersagen.